20. Juni 2012

Eine persische Yakbeere

Ein Hobby kann ja eine sehr suchtfördernde Angelegenheit sein. Lesen zum Beispiel. Zum einen sind gut geschriebene Bücher, egal in welchem Genre, ein wahrer Genuss, der auf gar keinen Fall nach nur einem Buch aufhören darf. Der lesende Mensch braucht stets Nachschub. Zu diesem Dürsten nach geistiger Nahrung kann sich dann auch noch Bibliophilie hinzugesellen. Da wird jedes Antiquariat zu einer Gedulds- und/oder Nervenprobe. Beim Aufwägen von Finanzen, Platz und dem Haben-wollen-Gefühl gewinnt dann doch recht häufig die Sucht über die Vernunft. 
Auch bei anderen Hobbies können sich ähnliche Süchte entwickeln. Bei Handarbeiten mit Wolle zum Beispiel. Hier gesellt sich aber zu dem absolut süchtigmachenden Vorgang des Strickens oder auch Häckelns von Anfang an immer ein praktischer Nutzen. Am Ende jedes Projekts (zumindest meistens ist das so) ist etwas brauchbares/tragbares entstanden. Hier Gegenargumente zu finden ist schwer. Klar, auch beim Wollkauf legen die Finanzen und der vorhandene Raum bestimmte Grenzen. Aber wie einfach lassen sich diese ausdehnen, wenn doch am Ende etwas so praktisches wie ein Pullover, Tuch, Schal, Mütze, Geschenke für Freunde und Verwandte stehen. 
Wenn dann auch noch wunderschöne Materialien dazukommen geht es mir im Wollgeschäft ähnlich wie im Antiquariat. Kisten und Regale voll der schönsten Farben und zartesten Wollstränge benebeln da ganz schnell jeglichen Pragmatismus, der mir sonst innewohnt. Gegen den Kauf zum Beispiel eines Starnges Malabrigo Sock in der Färbung Persia konnte ich mich gar nicht wehren. Diesen wunderschönen Strang habe ich aus einer Kiste gehoben und war danach nicht mehr in der Lage es wieder zurückzulegen. Es ging einfach nicht. 


Aber wer mag es mir verübeln bei solch seidenweicher Schönheit? Ich habe diesen Strang ehrfürchtig nach Hause getragen und konnte mir unterwegs ein wiederholtes Anschmachten nicht verkneifen. (Ich glaube die Leute in der Bahn waren etwas irritiert von mir, wie ich da saß und einen Garnstrang anhimmelte anstatt den Geliebten an meiner Seite.) Zu hause dann wurde der Strang immer wieder hervorgeholt und durch minutenlanges Streicheln über seine seidenweichen Windungen der endgültige Schritt in die Wollsucht besiegelt. Aber mal ganz ehrlich, wer kann das nicht nachvollziehen, bei solch wollendeter Schönheit? 


Letztlich brach aber wieder mein Streben nach praktischem Nutzen hervor, das von mir verlangte aus dem schönen Strang auch ein schönes und brauchbares Stück zu stricken. Das war nicht schwer, sondern eine wahre Freude. 


Ich habe mich recht schnell für das Tuch Yakbeere entschieden. Mit 4mm-Nadeln entsteht aus Malabrigo Sock ein leichtes Strickstück, das einen schönen Fall hat. Allerdings reicht ein 100gr-Strang nur für ein kleines Tuch. Das Spitzenmuster zum Abschluss des Tuches musste ich um eine Wiederholung in der Länge kürzen, um mit der Wolle hinzukommen. So hatte ich nach dem Abketten noch genau 1,50m Garn übrig. Mit der Größe des Tuches bin ich aber sehr zufrieden. Entgegen der Anleitung habe ich das Tuch noch ganz leicht gespannt, um diese kleinen Spitzen zu bekommen, aber auch weil Spannen immer nochmal das beste aus einem Garn herausholt. 


In das Tuch bin ich mindestens genauso verliebt wie in die Wolle.
Und was meint ihr zum Thema Hobby und Sucht? Gefahr oder Gefallen? 

Anleitung: Yakbeere von Beerentöne
Garn: Malabrigo Sock "Persia", 100gr.
Nadeln: 4mm

Kommentare:

  1. Hallo!

    Habe den Link zu deinem Blog heute von meiner Tochter ekommen. Sie meinte:"Geh mal schauen, da sind immer so schöne Stricksachen und auch Rezepte drin!"
    (Nachtigall, ich hör dir trapsen....)

    Ok, und da bin ich. Genau mitten ins Herz hast du bei mir getroffen. Ich bin auch ein Suchtbolzen was das Stricken angeht, allerdings bin ich über`s Stricken dann zum Spinnen am Spinnrad gekommen. Dachte noch so bei mir, dass ich ja dann keine teure Wolle mehr kaufen muss.

    Naja, was soll ich sagen, manchmal kaufe ich für so 2-3 Projekte im Jahr doch noch Wolle, auch 6fach für Socken. Allerdings kostet ein Spinnrad auch einiges - und Spinnräder sind Herdentiere... ;-))

    Selbstgesponnene Wolle bzw. die Fasern vorher noch selbst zu färben und dann zu verstricken macht mir aber sehr viel mehr Spaß, als gekaufte Wolle zu verarbeiten. Es ist spannender!
    Nur das die Zeit eben begrenzt ist.

    So, jetzt habe ich aber genug Viren gestreut.
    Habe deinen Blog abonniert und bin mal gespannt, was du so alles zauberst, auch in der Küche.

    Lieben Gruß aus dem Windecker Ländchen,
    Annette

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  2. Hallo Annette!
    Wie schön, das du den Weg hierher gefunden hast! Ich seh schon, wir sind Verwandte im Wollgeiste... das Spinnen würde mich auch sehr interessieren, allein der Platz in unserer Wohnung fehlt noch. Aber mal schauen, was die Zukunft bringt.
    Ich wünsche dir hier viel Spaß!
    Liebe Grüße, Remy

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  3. wer kann denn bei so schönem Garn widerstehen? ich liebe bei den Garnen das aussergewöhnliche, färbe auch gerne selber mit Pflanzen und habe auch das Spinnen angefangen - vor allem aus dem Grund, dass ich den natürlichen Charakter dieser Garne liebe, das Handgefärbte, unregelmässige und auch unberechenbare, individuelle. Ich finde, es ist ganz klar ein Gewinn - klar in meinem Schrank findet sich mittlerweile die eine oder andere Strange, aber es gibt ja schliesslich auch viele schöne Projekte zu stricken ;-) Dein Tuch gefällt mir ausgesprochen gut! herzliche Grüsse, ela

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  4. Hi Remy!
    Öhmm ja, Platz haben wir auch nicht allzuviel mit 4 - jetzt3 - Kindern. Aber ein Spinnrad findet überall Platz! ;)

    Ela`s Kommentar unterschreibe ich zu 100%!

    Lieben Gruß und gute Nacht,
    Annette

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  5. ein traumhaftes garn in dieser himmelsfarbe. und das tuch ist sehr schön geworden.
    linnea

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