4. Oktober 2011

Habt ihr schon "Glennkill" gelesen?



Jeder ließt Bücher auf seine ganz eigene, individuelle Art und Weise. Ich kenne da jemanden, der hingebungsvoll ganze Kapitell überblättert weil "der da jetzt schon wieder von seiner Vergangenheit/seinen Gefühlen spricht. Wen interessiert das denn?" 
Ich bin da auf andere Art eine rücksichtslose Leserin. Wenn ich mein Buch lese, dann lese ich mein Buch. Egal ob ich in meinem Wohnzimmer sitze, im Zug oder auf einer 10-Stunden-Busfahrt. Ich lese mein Buch und befinde mich in anderen Zeiten, auf Reisen in fernen Ländern. Wenn es im Buch Winter ist, dann hole ich mir eine Decke, auch wenn es Sommer ist und wir 25° in unserer Wohnung haben. Wenn es im Buch durch die Wüste geht und meine Helden nichts zu trinken haben, spüre auch ich unstillbaren Durst und leide, anstatt aufzustehen und mir ein Wasser zu holen. 
Und ich bin ganz erstaunt, wenn ich nach meiner Lesestunde vom Buch aufschaue und auf einem braunem Sofa sitze, anstatt auf einer saftig-grünen Wiese an einer irischen Küste zu stehen, im Sonnenschein, bei gelegentlichen Schauern und einer leichten Brise, mitten in einer Schafsherde, mit Miss Maple, Othello und Mopple the Whale, Zora, Sir Ritchfield und dem Winterlamm, eine Naswohlblume kauend und überlegend, warum unser Schäfer George Glenn tot auf der Weide liegt, erstochen von einem Spaten. 
Der Schafskrimi Glennkill besticht durch eine einfache, klare Sprache, mit viel Wortwitz aber ohne  Worterbrechen. Vom Tod ihres Schäfers zutiefst getroffen, denn wer füllt jetzt den Futtertrog und ließt abends aus den Pamela-Romanen vor, versuchen die Schafe den Täter zu finden. Mit drolliger Situationskomik, vor allem, wenn die Welt der Schafe und die der Menschen aufeinandertrifft, und dem kriminalistischen Riecher von Miss Maple kämpfen sich die Schafe durch diesen Fall, lediglich unterbrochen vom Grasen, schlafen und der Betrachtung der Wolkenschafe. 
Hier geht es um überlegene Wolligkeit, um Abgründe, um viel Gras (nicht nur grünes), um Verlorengehen und Wiederfinden, um Zusammenhalt und um Alleinsein. Und die Beobachtungen des Herdenverhaltens beim Menschen sind einfach nur treffend. Letztendlich geht es sogar um Gott und Satan. Wobei sich keiner vorstellen kann, wieso ausgerechnet Satan, der  alte, schreiende Esel von der Nachbarweide, George umgebracht haben sollte, wohingegen Gott, der Langnasige, der im größten Haus des Dorfes wohnt, den Schafen ziemlich suspekt erscheint. Ganz ernst zu nehmen ist diese Geschichte vielleicht nicht, aber sie macht einfach Spaß.
Das bereits 2005 erschienene Buch von Leonie Swann lag gottweißwielange ganz vorne in den Bestsellerlisten. Es hat viel Lob erhalten, aber auch viel böse Kritik. Bei Büchern gilt da für mich dasselbe, wie beim Essen: Jedem das seine. Ich habe Glennkill gerade zum dritten Mal gelesen und amüsiere mich noch immer. Wer mich nach einer schönen Lektüre fragt, etwas leichtem nach dem letzten Tolstoi, dem empfehle ich dieses Buch. Und wer dann noch nicht genug von den Schafen hat, kann sich in Garou mit der Herde vor einem Werwolf fürchten.

1 Kommentar:

  1. Ich glaube das hab ich meinen Ellis geschenkt. Sollte ich mir vielleicht zurückholen :))

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